Schlagwort: Desktop

  • Distrohopping: Kubuntu

    In der letzten Zeit habe ich meine GNU/Linux-Distribution häufig gewechselt, bin von Debian aus zu vielen anderen Systemen gesprungen, nicht weil ich mit Debian ein Problem gehabt hätte, nein, weil mich andere Distributionen auch gereizt haben. Doch mit der Zeit hat sich dieses Interesse zu einem gewissen Druck entwickelt, den ich eigentlich vermeiden wollte: Freie Software ist mein Hobby und nimmt einen Großteil meiner Freizeit ein, und das finde ich gut.

    Es ist und bleibt für mich spannend, die Entwicklungen der verschiedenen Distributionen verfolgen und ferner auch kommentieren zu dürfen, es macht mir großen Spaß, neue oder für mich unbekannte, freie Anwendungen ausprobieren und langfristig nutzen zu dürfen. Trotzdem brauche ich erst einmal eine gewisse Pause vom ständigen Distributionswechsel.

    Ich möchte mich in der nächsten Zeit auch auf meine Texte konzentrieren und dabei auf eine Distribution zählen können, die mir nicht unter den Füßen wegbricht, relativ aktuelle Software nutzt und ausliefert und gleichzeitig wenig Wartungsaufwand liefert. Es bleiben immer Schwierigkeiten, die über Kompromisse möglichst gut eingegrenzt werden wollen – nicht, weil irgendeine Distribution besonders „schlecht“ wäre, nein, weil sich Anwendungsfälle natürlicherweise voneinander unterscheiden:

    Für mich beispielsweise dürfen gerade die grundlegenden Anwendungen einer Arbeitsumgebung keine Fehler bereiten. LibreOffice, Firefox, ein E-Mail-Programm (momentan Thunderbird) und eine Notizverwaltung (momentan CherryTree) sind etwa die Programme, auf die ich tagtäglich zählen können möchte und muss. Eine Arbeitsumgebung sollte dabei nicht zu abstrakt, nicht zu spartanisch und gleichzeitig nicht zu überladen und abgedreht sein: Meine Favoriten sind in dieser Hinsicht KDE und Xfce. Aber für welche Distribution habe ich mich nun entschieden? Warum ist das nicht mehr Debian?

    Die erste Frage lässt sich leicht und schnell beantworten: Aktuell sitze ich vor Kubuntu 22.04, der aktuellen und tatsächlich nicht wirklich veralteten LTS-Version von Ubuntu, die den KDE-Desktop nutzt und wunderbar integriert ausliefert. In letzter Zeit hatte ich Lust, KDE zu nutzen, und Kubuntu zu installieren war in der Hinsicht wirklich die richtige Entscheidung, hat diese Installation doch meine Liebe zu KDE ein gutes Stück angefacht: KDE ist wunderbar vollständig, die LTS-Version 5.24 trifft genau meinen Geschmack. Ich habe das Gefühl, dass all die Funktionen, die ich mir je wünschen könnte, ganz natürlich in KDE enthalten sind – und nein, diese Oberfläche ist mir nicht zu unübersichtlich. Ich versuche nicht, KDE voll und ganz umzugestalten, eine andere Oberfläche nachzubauen oder einen exotischen „Workflow“ durchzusetzen.

    Ich nutze KDE mehr oder weniger, wie es aus der Tüte gefallen ist, natürlich mit ein paar kleineren Anpassungen, die sich allerdings im und am Gesamtkonzept von Plasma orientieren, das heißt im Konkreten: Angepinnte Favoriten und Schnellstarter, ein paar Konfigurationen in Dolphin und einige nachinstallierte Anwendungen, fertig. Plasma kommt mir persönlich sehr durchdacht vor, sowohl, was die Funktionalität angeht, als auch die Aufmachung in Handhabung und Erscheinungsbild. Als Xfce-Nutzer habe ich einige Zeit gebraucht, mich in KDE einzuarbeiten, doch jetzt, nachdem ich in den vergangenen Wochen immer wieder mit dieser grafischen Oberfläche herumgespielt habe, kommt mir KDE mindestens ebenso vertraut vor, wie Xfce, scheint mir dabei aber etwas vollständiger. Ich mag Xfce, ich mag KDE, trotzdem glaube ich, dass ich in der nächsten Zeit erst einmal bei letzterem bleiben werde.

    Ja, ich habe Debian Stable mit KDE ausprobiert, ja ich finde die Distribution wirklich gut. Leider kommt es bei meiner Hardware und Bullseye-KDE zu ein paar Problemen, etwa bei der Sitzungsverwaltung. Sicherlich könnte ich diese Probleme in der nächsten Zeit angehen, bei einigen Dingen habe ich bereits Lösungen oder zumindest Umgehungsmöglichkeiten gefunden, und doch ist mir aufgefallen, dass Kubuntu LTS momentan einfach eine besser integrierte Plasma-Umgebung bietet. Ich bin allerdings sehr gespannt, was die Bookworm-Zukunft, kurz Debian 12, bringt. Momentan ist der Plan, Kubuntu mindestens bis zum Erscheinen von Bookworm auf der Platte zu belassen, das System läuft einfach sehr gut. Ich vermute aber, dass ich mich spätestens am Veröffentlichungstag nicht mehr zurückhalten können werde, Debian als eine meiner absoluten Lieblingsdistributionen wieder auf die Platte zu lassen.

    Kubuntu jedenfalls arbeitet wirklich zauberhaft. Eigentlich sind mir so gut wie keine Probleme aufgefallen, jedenfalls erinnere ich mich momentan an keine wirklichen Fehler. Ich finde es schade, dass Firefox nur noch als Snap-Paket angeboten wird. Die Zentralisierung des Snap-Repos in den Händen von Canonical halte ich für ausgesprochen unschön, wobei Snapd an sich freie Software ist und bleibt. Eine unfassbare Scheußlichkeit ist diese zentrale Paketquelle aber nicht zwingend, da zumindest bei *Ubuntu auch die regulären Paketquellen von Canonical verwaltet werden. Außerdem gründet die Verteilung vom Firefox-Snap maßgeblich auf dem proaktiven Handeln von Mozilla, das Firefox-Snap-Paket wird nicht vom Canonical gebaut, sondern kommt direkt von den Entwicklern, was diesem eine gewisse Legitimität zu geben scheint. Nicht zuletzt, da sich die technischen Aspekte rund um Snap in letzter Zeit wirklich gebessert haben, bin ich (vorerst) bereit, das Firefox-Snap-Paket zu nutzen, meide dieses Paketformat aber ansonsten.

    Meine Hauptargument gegen Snap ist die moralische Frage, warum Canonical nicht mehrere Snap-Repositories zulassen könnte. Ich hoffe dahingehend, das sich in der Zukunft vielleicht doch noch etwas tut. Snap ist mittlerweile zumindest auf der Ubuntu-Plattform etabliert, ich denke nicht, dass sich das in Zukunft ändert, auch eine vollständige Absage des Projekts durch Canonical halte ich für unwahrscheinlich, zu groß scheint der Erfolg zu sein, den das wirklich unfassbar große Snap-Repo mittlerweile hat.

    Eine „Befreiung“ der Snap-Store-Plattform halte ich dahingehend für wahrscheinlicher und ehrlich gesagt auch für wünschenswerter. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass sich Snap keinesfalls vor Flatpak verstecken müsste, im Gegenteil: Aspekte wie die Isolierung der jeweiligen Anwendungen scheinen bei Snap besser umgesetzt worden zu sein, als bei Flatpak, das schnell zu einer Sicherheitslücke werden kann, immerhin haben viele Flatpak-Anwendungen regulären Schreibzugriff auf das home-Verzeichnis und werden durch die Plattform nicht automatisch aktualisiert, siehe dazu Flatkill.org.

    Ich selbst bin überrascht, wie gut mir Kubuntu gefällt, wie gut die Distribution läuft und denke, dass ich sie für einige Monate nutzen werde – vermutlich etwa sechs Monate, immerhin läuft ja gerade der Bookworm-Freeze, der im Sommer abgeschlossen werden dürfte. Dann kehre ich höchstwahrscheinlich wieder zu meinem geliebten Debian zurück, bis dahin bleibe ich wohl vorerst beim Tochtersystem Kubuntu.

  • Innovation auf dem GNU/Linux-Desktop?!

    Für viele zeichnet sich die Welt freier Software vor allem durch scheinbar nie enden wollende Vielfalt aus: Egal, ob es um Distributionen, grafische Oberflächen oder auch Lösungsansätze bei verschiedensten Problemstellungen geht; freie Software bietet eine Fülle an Optionen, aus denen man wählen kann und vor allem darf. Doch diese Diversität hat auch Nachteile, gerade, was Distributionen angeht, wird häufig von Zersplitterung gesprochen, die dem freien Betriebssystem auf lange Sicht eher Schade als nutze. Klar ist: Die Vielfalt, die man Tag ein, Tag aus beobachten und nutzen kann, muss irgendwie an Einsteiger vermittelt werden. Allerdings fällt es immer schwieriger, einen vernünftigen Kanal zu finden, über den das geschehen könnte.

    Der Hype, den Ubuntu auslöste, als es sich das erste Mal als “Linux for Human Beings” präsentierte, kam zwar nicht von irgendwo. Heute ist aber mehr als deutlich, dass sich die Interessen von Canonical mit denen der Gemeinschaft nicht unbedingt decken. Das möchte ich nicht (sofort) zum Problem stilisieren, trotzdem ist es nun einmal Fakt: Egal, ob es hierbei um Snaps, den ehemaligen Amazon-Button oder die verschiedenen Tracking- und Report-Funktionen der Distribution geht. Für viele ist Ubuntu durch das Verhalten Canonicals zu einem Unwort geworden, auch wenn es eigentlich nicht so sein müsste. Das hat vermutlich auch mit einst hohen, vielleicht zu hohen Erwartungen zu tun, die nicht immer, zumindest nicht auf Dauer erfüllt wurden oder erfüllt werden konnten.

    Mittlerweile hat sich die Tendenz eingeschlichen, über die feinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Distributionen hinweg zu sehen. Am Ende des Tages basieren viele Distributionen auf Debian, andere auf Arch, ein paar auf Fedora und openSUSE. Trotzdem unterscheiden sich diese Varianten, mal sind sie eher Serviervorschläge, mal folgen sie einem grundlegend anderem Konzept als die Muttersysteme. Letztere lassen sich manchmal nicht einmal wiedererkennen.

    Für viel schlimmer als die Distributionsvielfalt halte ich aber die Fragmentierung, die sich auf dem Desktopbereich festhalten lässt. Wenn man einen Einsteiger dann einmal, vielleicht nach langen Mühen, von einer Distribution überzeugt hat, werden die darauf folgenden Schritte nicht unbedingt leichter. Wenn es um die Wahl einer grafischen Oberfläche geht, reicht es oftmals nicht, einfach beim Standard einer Distribution zu bleiben, wenn ein solcher überhaupt existiert. Das es viele Desktops gibt, ist und bleibt kein Wunder, immerhin ist die “eigene” grafische Oberfläche als stetiger Begleiter eine riesengroße Geschmackssache. Nicht jedem gefällt Gnome, nicht jeder möchte bei KDE bleiben.

    Das Problem ist also nicht, dass unterschiedliche Projekte unterschiedlich mit ihrer Codebasis und ihrer Software umgehen. Das Problem liegt, glaube ich, auch nicht bei den unterschiedlichen oder gegenläufigen Designideen der einzelnen Entwickler. Nein, zum Problem wird eher die technische Vereinzelung: KDE setzt eben auf Qt, Gnome bleibt bei GTK, Enlightenment bringt ein eigenes Toolkit mit. Dann wiederum erfindet man alte Standards neu und schafft mit “Innovationen” wie clientseitigen Dekorierungen, wie diese heute bei Gnome üblich sind, einen weiteren Faktor der Fragmentierung.

    Und wenn bei jeder Gnome-Hauptversion drei neue Forks und bei der nächsten KDE-Veröffentlichung zwanzig neue Forks oder Desktopprojekte entstehen, vervielfacht sich dieses Problem in’s Unermessliche.

    Warum muss bei jeder Innovation mit den bestehenden Standards gebrochen werden? Ist es denn nicht nachvollziehbar, dass sich Anwender auch einmal an Dinge gewöhnen? Warum muss eine intuitive Oberfläche immer aus der Sicht eines Neueinsteigers und nicht der eines Umsteigers konzipiert werden?

    Wenn sich das Gnome-Team eine neue Idee in den Kopf und diese in der eigenen Oberfläche umsetzt, sind davon auch andere Projekte, die Gnome-Technik einsetzen betroffen. Sicherlich könnte man jetzt sagen, dass die Gnome-Entwickler*innen jedes Recht haben, ihre Software so zu gestalten, wie sie möchten. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass gerade größere Desktopprojekte häufiger Mal die kleineren Projekte vergessen, die eher als periphere Nebenerscheinungen betrachtet werden und keinesfalls als mögliche Partner einer Zusammenarbeit.

    Ich möchte hier nicht wieder die Binsenweisheit der Zusammenlegung von Entwicklerkräften beschwören, ich glaube, das ist in den letzten Jahren schon oft genug geschehen. Trotzdem kann ich mich ewig darüber aufregen, dass neue Ideen von Projekt A die Perspektive von Projekt B zu vergessen scheinen.

    Kleineren Entwicklergruppen, etwa den Entwicklern von Xfce, ist es schlichtweg nicht möglich, alle Teile ihres Desktops von Grund auf neu zu bauen, das wäre in den meisten Fällen vermutlich auch ein unglaublich sinnloser Mehraufwand. Wenn aber die Entwicklung der GTK-Plattform, auf die auch Xfce angewiesen ist, derartig maßgeblich von Gnome bestimmt (sicherlich auch vorangetrieben wird), heißt es für Xfce vermutlich öfter: Friss oder stirb!

    Die neue libadwaita, die den jüngsten Gnome-Anwendungen aus dem Gnome-Projekt ihren sehr eigenen Stil verleiht, ist eigentlich mit einem edlen Ziel gestartet: Anstatt sich wieder und wieder in die Weiterentwicklung des zu Grunde liegenden GTK einzumischen, entwickelt Gnome jetzt eine Art Zusatzschicht, auf die Anwendungen aus dem Projekt zurückgreifen können, während GTK Gnome-unabhängiger und in eigenem Tempo weiter entwickelt werden könnte.

    Das ist ja wirklich schön und gut, sicherlich eine gute Idee und für die Zukunft vermutlich auch sehr wichtig, wenn verschiedene und eben nicht immer gleiche GTK-Oberflächen nebeneinander existieren wollen. Trotzdem frage ich mich, warum Gnome wieder einmal mit der eigenen Designphilosophie andere Projekte mitziehen muss: Wer ein libadwaita-Programm unter Xfce oder Mate nutzen möchte, bekommt den Anwendungsstil von Gnome präsentiert. Somit hat man eine visuelle Abhängigkeit zum Gnome-Umfeld geschaffen und kann nun davon ausgehen, dass die visuelle Einheit anderer Desktops massiv darunter leidet. Immerhin möchte Gnome ja ausdrücklich nicht “gethemed” werden.

    Sicherlich ist es schön und gut, dass die grundlegende Technologie jetzt weniger von Gnome abhängt. Aber was nützt dass, wenn die Anwendungsebene wieder neue Hürden schafft und der Modularität auf dem Linux-Desktop wieder Steine in den Weg legt und Stöcke in die Speichen steckt. Mittlerweile ist es sogar leichter, Qt-Anwendungen über das entsprechende Plattformthema in eine GTK-Umgebung wie Xfce zu integrieren, als das mit libadwaita-Programmen möglich wäre, die ja technisch eigentlich enger bei einander liegen.

    Unterm Strich bleiben das natürlich nur Beobachtungen. Ich frage mich nur, wie ich mir in Zukunft einen konsistenten Desktop zusammenschustern möchte, wenn ich nicht sofort eine Suite an Gnome- bzw. KDE-Anwendungen mitnutzen möchte.

    Danke Gnome für die Innovation; schade das ihr immer wieder mit Standards brecht. Die Diskussion um die verschiedenen Toolkits wird wohl nicht abflachen, wenn alle immer alles besser wissen und auf den nächsten aber vielleicht grundlegend wichtigen Standard pfeifen oder sich zumindest die Konsequenzen der Innovation nicht vor Augen führen wollen.

    Übrigens nutze ich auch gerne Gnome und KDE. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen die Projekte hätte, im Gegenteil. Es ist bloß Schade, dass der Fortschritt eines großen Projekts so oft auf Kosten der kleineren von Statten zu gehen scheint.

  • Gedanken zu Gnome, Teil eins

    Der Gnome-Desktop bleibt kontrovers: Einerseits ist das Projekt eines der fortschrittlichsten in der gesamten Gemeinschaft freier Software, egal, was Designkonzepte von heute und morgen oder auch die unterliegenden Technologien angeht: Gnome scheint in die Zukunft zu schauen und visionär antworten zu wollen.

    Anstatt wie KDE oder Xfce die klassische Metapher einer grafischen Oberfläche für Desktop- und Laptopsysteme zu bedienen, geht Gnome einen eigenen Weg, der sich mal mehr, mal weniger an den bekannten Ansätzen von IBM, Microsoft, Apple oder Unix zu orientieren scheint. Gnome ist dabei eindeutig wiederzuerkennen, hebt sich von der Masse ab, ist kein Duplikat. Doch was zunächst als Vorteil erscheinen mag, kann Gnome auch schnell auf die Füße fallen, spätestens seit der intitialen Veröffentlichung der dritten Generation des Zwergendesktops.

    Die Beständigkeit, die sich anhand der zweiten Generation der Oberfläche nachvollziehen lässt, ist aus heutiger wie damaliger Sicht kaum noch bemerkbar, wenn man sich die Ideen von Gnome 3 vor Augen führt. Gleich geblieben ist bis heute aber das Mantra des „weniger ist mehr“, dass Gnome heute wie kein anderer Desktop verinnerlicht hat.

    Dabei ist Gnome nicht sonderlich leichtgewichtig, auch nicht unausgereift oder funktionslos; nein, die Optionen, die der Desktop bietet, werden bloß sehr selektiv angezeigt: Beispielsweise kann ein einfarbiger Hintergrund in Gnome v3.38 lediglich über die gsettings-Datenbank gesetzt werden, nicht über eine offizielle grafische Oberfläche. Erweiterungen, die Gnome de facto zu einem der anpassungsfähigsten Desktops machen, sind in den meisten Fällen inoffizielle, wenn auch sehr beliebte Lösungen, die allerdings schon nach einem einzigen Update der Vergangenheit angehören können:

    Gnome hat seine eigene Meinung, wie der GNU/Linux-Desktop zu betrachten und zu benutzen ist; dabei macht man sich nicht immer Freunde, große Neuerungen werden zumindest bei einigen nicht mit der Euphorie wahrgenommen, die man ihnen womöglich doch zugestehen sollte: Gnome ist kontrovers.

    Meine persönliche Beziehung zur Zwergenoberfläche ist dabei ebenso ambivalent: Einerseits kommt mir Gnome sehr vollständig vor, andererseits fehlen an manchen Ecken und Enden die Dinge, die ich dort erwartet hätte. Sicherlich bietet Gnome eine vollständig Umgebung verschiedenster Anwendungen, und doch ist diese nicht so vollständig wie z.B. bei KDE.

    Xfce ist und bleibt eine der beständigsten Umsetzungen der Desktop-Idee, Gnome bleibt ein interessanter Ansatz. Mich zu begeistern schaffen beide Projekte immer wieder, mich festzulegen fällt mir aber auch sehr schwer. Und dann ist da natürlich noch der Mate-Desktop, der als Fortsetzung des mittlerweile Abgelösten Gnome v2 eine ebenfalls konsistente und entgegen vieler Meinungen durchaus daseinsberechtigte Oberfläche für den Laptop und Desktop bietet.

    Sich festzulegen fällt mir immer wieder schwer, wenn es um die verschiedenen Oberflächen geht, auch da sich alle stets zu verbessern scheinen. GNU/Linux lebt zu einem nicht zu unterschätzenden Teil von seiner Community, also auch von dem Herzblut, das in die einzelnen Projekte fließt, von der Zeit, die die Entwickler und Beitragenden den Projekten nicht selten ehrenamtlich spenden.

    Nur wegen eigenwilligen Bedienkonzepten in eine Welle der Shitstorms zu verfallen, halte ich für schwierig, wenn auch nachvollziehbar. Jede Idee hat ihren Preis, jede Implementierung ihre Schwächen. Jeder Desktop seine Fehlerchen und Macken.

    Ich habe mir heute wiedereinmal Debian 11 mit Gnome v3.38 installiert und bin doch angetan von den Konzepten, die die Oberfläche umsetzt. Sicherlich ist Gnome nicht zu ein- aber damit auch nicht zu verstellbar wie KDE, sicher ist Gnome auf den ersten Blick nicht so leichtgewichtig wie Xfce, und doch bieten sich auf dem grafischen Kobold einige Vorteile: Die Umsetzung von virtuellen Arbeitsfläche ist bei Gnome beispielsweise noch immer besser als bei den meisten anderen Oberflächen; mit besser meine ich dabei subjektiv besser: Die Arbeitsflächen von Gnome sind standardmäßig dynamisch, das heißt nur dann vorhanden, wenn sie auch wirklich gebraucht werden. Dabei vermittelt aber gerade das Konzept der Aktivitäten den Eindruck, man solle diese doch einfach einmal stärker in den eigenen Benutzungsfluss einbauen: Und ja, das funktioniert sehr angenehm.

    Besonders interessant sind auch die Tastenkürzel, die Gnome von Beginn an ausrollt: So werden etwa die im Dash verankerten Favoriten mit einer Nummer versehen. Daraufhin können sie mit der Tastenkombination Super+[Nummer] ausgeführt werden: Wenn also der erste Starter ein Terminal ist, kann dieses einfach mit Super und ‚1‘ gestartet werden. Darauf muss man ersteinmal kommen, immerhin sind diese Starter dabei dynamisch besetzbar, wechseln also ihre Belegung, wenn ich die favorisierten Anwendungen umsortiere – sehr interessant, sehr praktisch.

    An dieser Stelle möchte ich auch noch ein paar Worte zu dem Wechsel verlieren, den Gnome seit der in Debian 11 enthaltenen Version 3.38 vollzogen hat: Ab Gnome 40 ist man im Projekt von der Gnome-v3-typischen vertikalen Anordnung der Arbeitsflächen zu einer klassischeren horizontalen Auslegung gewechselt.

    Diese Änderung sehe ich persönlich als Fluch und Segen zugleich; einerseits ist das horizontale Verhalten im Wesentlichen doch intuitiver, andererseits erhöht man so auch die Mauswege dramatisch, soll das Dash dann doch noch einmal erreicht werden.

    Auf einem realen Schreibtisch legt man Dokumente, an denen man gerade nicht arbeitet natürlich auch eher zur Seite als nach hinten, andererseits ist auch die Frage, ob diese Analogie auf einem digitalen Schreibtisch sonderlich sinnvoll ist.

    Möchte ich in Gnome v43 das Dash ohne Zuhilfenahme der Super-Taste erreichen, muss ich bekannter Weise zunächst den Mauszeiger in die obere linke Ecke schleudern, kann ihn dann aber nicht einfach an der linken Bildschirmkante entlangwandern lassen, sondern muss zuerst den halben Bildschirm abfahren, um an die untere Bildschirmkante zu gelangen.

    Fairerweise muss man dazusagen, dass sich die Beschleunigung der Maus dabei sehr zu Nutze machen lässt, was die Mauswege an sich dann doch verringert. Auch die verbesserte Unterstützung für Touchpads hilft auf einem Laptop schon sehr. Außerdem nutze ich die hauseigenen Erweiterungen „Anwendungs-“ und „Orte-Menü“, die die obere Leiste logisch und sinnvoll erweitern. Glücklicherweise sollten diese bei Versionsaktualisierungen auch nicht kaputt gehen, immerhin kommen sie direkt von Gnome selbst.

    Wie dem auch sei: Gnome ist und bleibt spannend, ob ich den Desktop langfristig einsetzen möchte, weiß ich noch nicht, allerdings ist er immer wieder einen Blick wert, und das entgegen der landläufigen Meinungen.

    Gnome läuft unter Debian sehr flüssig, Anwendungen starten wesentlich schneller als unter KDE, teilweise auch flotter als unter Xfce; das Bedienkonzept ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, macht es dann doch viel Spaß. Was die zukünftigen Entwicklungen angeht, die das Gnome-Projekt in absehbarer Zeit einschlagen wird, bin ich noch unentschlossen, nichtsdestotrotz aber offen für Neuerungen. Was ich genau von libadwaita, GTK4 und den vielen anderen, manchmal dann doch visionären Ansätzen des Projekts halten soll, wird die Zukunft schon zeigen. 😀

  • Pinguinzubehör is not dead!

    Einer meiner liebsten GNU/Linux-Blogs hat seit langer Abstizenz mal wieder einen Artikel spendiert bekommen: Ich schreibe natürlich von Pinguinzubehör bei Knetfeder. Der Blog besteht schon sehr lange, mindestens seit 2005; die ersten Artikel liegen wesentlich länger zurück, als meine ersten Gehversuche mit GNU/Linux.

    So ist er immer wieder eine sehr interessante Quelle, was die Vergangenheit des Linux-Desktops angeht: Der Wechsel von GNOME 2 zu 3, die Merkwürdigkeiten der ersten Versionen von KDE 4 und vieles, vieles mehr (darunter übrigens auch Tests von alten Xfce-Versionen und LXDE in einem früheren Entwicklungsstadium). Pinguinzubehör ist sehr angenehm verfasst worden, auch die aktuelleren Artikel lesen sich wunderbar und sind immer wieder wirklich interessant. Daher war ich, nachdem ich die Seite immer wieder nach neuen Inhalten überprüft habe, sehr froh zu sehen, dass es nach knapp einem Jahr endlich wieder einen Artikel zu lesen gab.

  • Distributionen und ein bisschen Leere (Void)

    Wer mich kennt, egal ob gut oder kaum, weiß, dass ich sehr, sehr gerne freie Software nutze — am liebsten natürlich alles, was mit dem GNU/Linux-Betriebssystem zusammenhängt.

    Alle, die mit mal mit GNU/Linux angefangen haben, können das Folgende sicher gut nachvollziehen: Distro-Hopping bis zum geht nicht mehr. Was, ich soll eine Distro über mehrere Monate lang verwenden? Ich soll aufhören, immer wieder auf Distrowatch und Konsorten vorbeizuschauen, nur um ein neues Betriebssystem zu finden? Lange Zeit ziemlich undenkbar für mich:

    Ich habe gefühlt alles mögliche ausprobiert. Damit ist übrigens auch klar, warum ich zum Beispiel Gentoo nicht ausprobiert habe, das war mir in vielerlei Hinsicht einfach nicht möglich. 😉

    Angefangen habe ich mit dem obligatorischen Linux Mint, danach ging es für mich weiter zu Manjaro, immer wieder habe ich auch mal openSUSE ausprobiert und bin mit der Zeit bei Debian gelandet, was ich rückblickend als eine meiner liebsten Distributionen ansehe — sowohl die stabilen, als auch die weniger stabilen Testing- und Sid-Versionen (wobei das bei Sid ja nicht wirklich zutrifft).

    Debian ist toll, gerade was die Philosophie angeht: Konsequent, den idealen freier Software und denen der eigenen Gemeinschaft verpflichtet und auch technisch wirklich gut. Debian läuft meistens auch einfach, wenn nicht, dann stehen immer noch die inoffiziellen Firmware-Abbilder bereit, auch wenn die Debian natürlich nicht so repräsentieren, wie es seine Rolle in der Free-Software-Community verlangen würde.

    Nichtsdestotrotz ist leider auch Debian nicht ganz perfekt, sodass ich mich wegen eines Problems auch mal anderen Distributionen zugewendet habe: Ich spreche hier von einer unsäglichen Problematik, die scheinbar irgendwo zwischen der Hardware des Laptops, den ich nutze, irgendwelchen Treibern und Firmware-Blobs aber auch den Versionsständen von Pulseaudio, Pipewire und so weiter liegt. Es ist wirklich nicht schön, wenn aus der regulären Debian 11 Veröffentlichung einfach kein Ton kommt und selbst die Firmware rumeiert, wenn ich einmal Kopfhörer, und dann wieder nicht verwende.

    Das Problem ist ziemlich merkwürdig, scheint die aktuelle Debian Stable Version aber etwas unglücklicher getroffen zu haben, als andere Distributionen. Ich bin noch nicht ganz sicher, was die genaue Ursache war, aber ich forsche weiter..

    Auf meinem erneuten Wandeln durch die Distrolandschaft, die hat in der Zwischenzeit übrigens nie ganz aufgehört, habe ich einige neue Bekanntschaften gemacht, was Distros angeht — ich meine, da kann man wirklich nur zulernen:

    Ein älterer Laptop lief beispielsweise einige Monate mit Slackware problemlos durch — wer Zeit mitbringt und Bock hat, was neues zu lernen, kann sich das System gerne mal anschauen, ich jedenfalls kann es zum Lernen nur empfehlen.

    Slackware war aber nicht die einzige Distro, die ich in den letzten Monaten installiert habe: Mit dabei waren unter anderem Devuan, openSUSE, Fedora, Arch, Artix — wer weiß, was ich wohl alles vergesse, ich jedenfalls nicht (sonst hätte ich das ja auch nicht vergessen).

    Eine Distro stach bei meinen Tests aber dann doch angenehm heraus: Void GNU/Linux — eine Distro, die sich doch eher in der Nische befindet. Das finde ich aber nicht schlimm, sondern viel eher spannend: Void bringt einen eigenen Satz an Paketverwaltungswerkzeugen mit: xbps heißt das Ganze und ist unglaublich schnell, auch wenn es einiges an Einarbeitungszeit braucht, wie gesagt, ich lerne noch. Void hat aber nicht nur einen Paketmanager, sondern auch noch einige andere Merkmale, die es wirklich auszeichnen:

    Zum einen ist die Distro wirklich schnell und leichtgewichtig, es gibt hier keinen Bloat oder sowas, als init-System kommt runit zum Einsatz, was mal eine erfrischende Abwechslung ist. Anders als bei anderen KISS-Distros wie etwa Arch ist die Installation von Void wirklich sehr einfach, gerade wenn man das Xfce-Live-Abbild benutzt. Am Anfang hatte ich ein bisschen zu kämpfen mit der Tastaturbelegung und dem Display Manager, das hat sich mit einigen Einstellungen aber schnell gelegt. Genauere Infos finden sich bei meiner Tildeverse-Seite envs.net/~fab, wobei ich das alles in die gemini-Seite geschrieben habe. Dazu kommt hier sicherlich auch bald mal ein Text.

    Naja, Void ist jedenfall ziemlich cool und läuft jetzt auf beiden Laptops — und das bisher ziemlich gut. 😉