In den vergangenen Wochen haben viele der großen Social-Media-Unternehmen angekündigt, in Zukunft am Fediverse teilnehmen zu wollen. Angefangen mit Tumblr gehen diese Bestrebungen heute schon bis zum Facebook-Konzern „Meta“. Wie genau diese Entwicklungen für das Fediverse selbst einzuschätzen sind, bleibt eine diskussionswürdige Frage. Dazu ist gestern ein sehr lesenswerter Artikel auf Netzpolitik.org erschienen, der das strittige Thema sehr verständlich zusammenfasst. Ich kann euch nur empfehlen, diesen Text zu lesen, sonst könnten auch meine hier geäußerten Gedanken etwas zusammenhanglos wirken. Denn das Fediverse zu beurteilen ist wirklich nicht immer einfach. Wer sich schoneinmal mit dem dezentralen sozialen Netzwerk beschäftigt hat, wird sicher vieles festgestellt haben. Zum Beispiel scheinen unfassbar viele Nutzer am Konzept des Fediverse zu hängen, so positiv wie das nur geht. Mir geht es ja ähnlich: Das Fediverse ist für viele wohl das Licht am Ende des Tunnels „Social Media“. Deswegen kann ich es nachvollziehen, wenn Menschen hoffen, dass das Fediverse bestehen bleibt, so wie sie es kennengelernt haben.

Interessanterweise wird dieser Aspekt auch im Netzpolitik.org-Artikel angesprochen. Dabei wird vor allem auf die unterschiedlichen Positionen von Fediverse-Neulingen und den alt Eingesessenen hingewiesen. Ob man diese Generalisierung so einfach treffen kann, kann ich nicht beurteilen. Statistische Daten fehlen hier sicherlich, aber trotzdem lässt sich wohl schon aus einem allgemeinen Eindruck eine Tendenz ablesen. Wie auch immer: Die unterschiedlichen Positionen zur Diskussionsfrage werden mit Sicherheit vertreten, egal von wem und warum. Grundlegend beschreibt Markus Reuter in seinem Artikel, dass sich zwei Lager zu bilden scheinen: Eines, das die Großkonzerne und vor allem Meta ablehnt, und ein zweites, das mit diesen teils sogar zusammenarbeiten könnte. Außerdem wird richtig erwähnt, dass das Fediverse schon viele Jahre besteht. In welcher Form, das mag dabei erst einmal nebensächlich sein: Die unterschiedlichen Positionen sind vorhanden, und sie alle stammen aus einer ähnlichen Motivation. Das Fediverse soll florieren und funktionieren. Doch wo die einen den Beitritt großer sozialer Medien gutheißen, weil dieser ein Wachstum der Plattform bedeuten könnte, gibt es eben auch die berechtigt gegenteiligen Meinungen. Unter dem Einfluss der großen Unternehmen könnte sich das Fediverse auch mehr in die Richtung der kommerziellen Netzwerke entwickeln. Genau vor diesen Strukturen sind viele Fediverse-Nutzerinnen und -nutzer aber geflohen.

Ich selbst sitze wieder einmal zwischen den Stühlen: Ich bin bereits vor den großen Fluchtbewegungen weg von Twitter und Konsorten auf das Fediverse gestoßen. Ich bin aber auch nicht seit dem Beginn des Fediverse dabei. Konkret habe ich mir im April 2021 einen ersten Account auf Mastodon angelegt, nachdem ich zuvor ein wenig mit Diaspora herumgespielt habe. Das war mein Einstieg ins Fediverse, das ich seitdem lieben gelernt habe. Wie so viele andere auch. Damit bin ich wohl kein „alter Hase“ aber eben auch nicht ganz neu mit dabei. Meine Position kann also zwischen den Extremen angesehen werden, die sich aus der eigenen Perspektive zum Fediverse gebildet haben. Denn darum geht es doch insgesamt: Wenn Nutzer schöne Erfahrungen mit dem Fediverse gesammelt haben, ist es doch nur nachvollziehbar, diese auch anderen zu wünschen. Dass das Fediverse damit an Verbreitung gewinnen müsste, wirft eben diese unsäglich kontroverse Frage auf, die nur streitbar sein konnte. Im Prinzip stehen sich hier zwei Extreme gegenüber, die einen sehr ähnlichen Ausgangspunkt haben. Und vielleicht auch ein ähnliches Ziel. Trotzdem möchte ich mir ein Urteil erlauben: Wer das Fediverse aus eigener Motivation entdeckt hat, weiß es vielleicht auf eine ganz eigene Weise zu schätzen. Wer das Fediverse aus einer Unzufriedenheit mit bekannten Plattformen heraus entdeckt hat, der sucht vielleicht eher nach einem Ersatz. Oder eben nach dem, was er in den großen, kommerziellen sozialen Medien nicht gefunden haben mag. Diese Position habe ich auch schon in anderen Texten zum Fediverse vertreten. Aber ich denke, dass sie angesichts der aktuellen Debatte wieder relevant geworden sein könnte.

Wenn wir darüber reden, wie sich der Anschluss der Großkonzerne an das Fediverse auswirken könnte, sollten wir auch einen Blick auf die Motivation dieser Unternehmen werfen. Im Netzpolitik-Artikel wird bereits angesprochen, dass die kommerziell betriebenen Plattformen gegebenenfalls eine „Extend, Embrace, Extinguish“-Strategie (EEE) fahren könnten. Also den Plan, das Fediverse erst zu „umarmen“ um es am Ende aus dem Weg zu räumen. Ich denke, dass es hier erforderlich ist, zwischen den Zeilen zu lesen: Warum sollte ein kommerzielles Unternehmen die eigene, und in aller Regel nicht kommerzielle Konkurrenz befödern. Ganz ohne sich selbst einen Vorteil auszumalen? Meta ist kein Wohlfahrtsverein, das sollte heute doch klar sein. Ich denke, dass wir mit dem heutigen Wissen über die großen Social-Media-Firmen nicht mehr davon ausgehen sollten, dass diese wirklich etwas gutes leisten wollen. Das klingt jetzt wie eine Beleidigung, und so kann der Satz auch gesehen werden. Aber im Grunde bleibt es eine Feststellung: Dieses Verhalten würde nicht zu den kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen passen, in denen sich die hier gemeinten Großkonzerne bewegen.

Natürlich bleibt es aber auch abzuwarten, wie sich die Situation wirklich entwickelt. Natürlich kommt es jetzt darauf an, wie sich die einzelnen Instanzen verhalten. Und die Frage, wie Nutzer eigentlich in die Entscheidungsfindung eingebunden werden sollten, bleibt wohl auch zukünftig offen. Fakt ist: Die Fediverse-Protokolle sind offene Standards, und auf dieser Offenheit basiert das gesamte Fediverse. Wo die Reise damit hingeht, liegt also nicht an den vermeintlichen Urvätern des Fediverse, sondern vielmehr an denjenigen, die Instanzen moderieren oder anderweitig Einfluss auf das Fediverse haben. Und ehrlich gesagt ist auch eine Abstimmung mit den Füßen, gut heute vielmehr mit den Accounts, denkbar. Welche Instanz ein Nutzer verwendet, das liegt an ihm. Und spätestens da kommen auch uns „einfachen“ Nutzern gewisse Verantwortungen zu.

Wohin sich das Fediverse entwickelt, bleibt auch für mich eine spannende Frage. Immerhin hänge ich nicht weniger als manch anderer an dem dezentralen sozialen Netzwerk, weil ich gewisse Hoffnungen darauf setze. Ausgeschlossen ist bisher wohl nur, dass die großen Unternehmen überhaupt keine Rolle im Fediverse spielen – selbst wenn sie von allen Seiten blockiert werden sollten. Ja, auch die rechtsextremen Netzwerke Gab und TruthSocial setzen auf dezentrale Architektur, die wir eigentlich aus dem so freundlichen Fediverse kennen. Und ja, auch hier hat sich das Fediverse wie wir es kennen gegen die rechtsextremen Gefahren behaupten können. Nichtsdestotrotz sind Netzwerke in der Größe von Instagram und Facebook noch eine ganz andere Hausnummer, mit der wohl auch anders umgegangen werden wird. Wie genau, das ist eine gute Frage.